Was würde besser als erster Post in meinem neuen Blog passen, als ein Bericht über die neue Stuttgarter Stadtbibliothek? Gestern war die Stadtbibliothek im entstehenden Europaviertel zum ersten Mal im Rahmen der Stuttgartnacht für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Heute nutzte ich das gute Wetter, um mir beim Tag der offen Tür selbst ein Bild zu machen. Bisher konnte ich die Bibliothek immer nur von außen in Augenschein nehmen, da sie meiner Hochschule direkt gegenüber liegt.

Die Bibliothek erreicht man zur Zeit über die Fußgängerbrücke an der U-Bahn-Station Türlenstraße/ Bürgerhospital. Als erstes fiel mir jedoch weniger das Gebäude an sich auf, als vielmehr die Schlange, die sich vor dem Eingang gebildet hatte, und die bis zur Rückseite der Bibliothek reichte.
Jede Ausrede in Kauf nehmend, um nicht wieder in meiner Wohnung zurückzumüssen und mich durch die AARC2 zu kämpfen, stellten ein Kommilitone und ich uns an. Überraschenderweise konnten wir bereits nach einer Viertelstunde durch die Eingangstür treten. [Der Versuchung, durch einen der Nebeneingänge, durch die Besucher die Bibliothek verließen, hinein zu gelangen, widerstanden wir.]
Beim Betreten der Bibliothek fielen sofort die vielen Fernseher auf, auf denen man mittels Kopfhörern unterschiedlichen Autorenlesungen lauschen konnte. Ebenfalls im Eingangsbereich untergebracht sind die Rückgabe-Terminals.
Erfreulich war hingegen, dass ich mich sogleich in das "verschlüsselte" WLAN einwählen konnte. [Wirklich verschlüsselt ist es nicht, da der Name des WLANs "Passwort=Bibliothek" lautet.] Vorbildlich. Hat man kein Netbook/Notebook/Tablet/Smartphone/... dabei, kann man einen der öffentlichen PC-Arbeitsplätze nutzen. Desweiteren begeisterten mich die per Touch-Oberfläche bedienbaren Auskunftstafeln. Entweder man browst durch die einzelnen Stockwerke oder sucht nach Themenbereichen resp. Systematikstellen.
Weiter ging es in das vier Stockwerke hohe Herz, welches einen imposanten Anblick bietet. In der Mitte befindet sich eine kleine "Pfütze", die "das bauliche Überbleibsel eines weitaus größeren Wasserbassins, das ursprünglich die Bibliothek umrahmen sollte", bildet. Auch heute hatten wieder, wie man anhand der Wasserspuren erkennen konnte, einige Besucher nasse Füße bekommen.
Die Treppe nehmend erklommen wir die erste Etage, in der sich die Abteilung "Musik" befindet. Die Regaleanordnung bietet genügend Platz und für ausreichend Sitzgelegenheiten ist gesorgt. Sogar ein Klavier mit Kopfhörern ist hier zu finden. Außerdem kann man sich CD-Player und - soweit ich das richtig gesehen habe - Netbooks - oder waren es DVD-Player - ausleihen.
In der zweiten Etage befindet sich die Kinderabteilung mit einzelnen thematischen Abteilen und Spielgelegenheiten.Die dritte Etage ist dem Bereich "Leben" gewidmet. Hier finden sich die Sachbücher vom Thema Religion/Weltanschuung über Pädagogik/ Erziehen/ Lernen bis hin zu Sport/Freizeit. [Sachgruppen: K, L, M, N, V, X, Y]
Ab der vierten Etage weichen die um das "Herz" herum gebauten Abteilungen einer auf dem Kopf stehenden Pyramide, an deren Wänden sich die Bücherregale entlangziehen. Die Etage ist für das Thema "Wissen" reserviert. Beginnend bei "Allgemeines", endend bei Technik/Handwerk/ EDV/Zeitschriften. [Sachgruppen: A, F, G, H, T, U, W] Das ganze Ambiente ist sehr beeindruckend. Negativ aufgefallen sind mir jedoch die sehr schmalen Treppen. Selbst bei normalem Besucheraufkommen dürfte es auf diesen eng werden und der ein oder andere Rempler ist vorprogrammiert.
In der fünften Etage befinden sich die restlichen Sachgruppen [C, D, E, O]. Die Belletristik befindet sich im sechsten und siebten Obergeschoss. Außerdem befinden sich hier die Sachgruppe "P", die Hörbücher sowie die Jugendromane/Junge Bibliothek. Den Abschluss bildet das achte Stockwerk, welches dem Thema "Kunst" gewidmet ist. Neben den Sachgruppen "R" und "S" gibt es auch Spielfilme und die Graphothek. Außerdem lädt ein kleines Café zu einer kleinen Verschnaufpause ein.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir die neue Bibliothek gefällt. Auch wenn ich Bibliotheken lieber in alten Gebäuden, wie dem der ehemaligen Stuttgarter Stadtbücherei sehe, bin ich positiv beeindruckt. Der Kritik, dass die Bibliothek von außen gewöhnungsbedürftig aussieht, pflichte ich zwar weiterhin bei, hoffe aber, dass sie durch das entstehende Europaviertel etwas entkräftet wird. Noch ragt die Bibliothek einfach zu alleine aus dem brach liegenden Bauumland heraus. Mein Eindruck von der Innengestaltung ist zwiespältig. Zum einen gefällt mir die Architektur. Andererseits finde ich sie für eine Bibliothek zu kühl. Außerdem scheint mir zuviel Wert auf die architektonische Ausgestaltung gelegt worden zu sein, was darin resultierte, dass Aspekte der Bestandspräsentation und -organisation in den Hintergrund treten mussten. Als Beispiel möchte ich hier nur das wenig durchdachte Leitsystem anführen. Die Schilder sind viel zu klein, um sich von Weiten an ihnen zu orientieren. Zumeist muss man direkt vor den Regalen stehen, um zu erkennen welche Bücher hier stehen. Dem häufig verwendeten Ausdruck "steril" möchte ich widersprechen, denn dieser würde Sauberkeit voraussetzen. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden. Die Bibliothek ist nicht dreckig, aber durch die hellen Böden und trotz des Einsatzes einer Armee von Reinigungskräften während des Publikumsverkehrs zeichnet sich doch schnell ab, dass es eine großer Herausforderung sein wird Klarschiff zu machen. Die kommende Herbst-/Winterzeit mit matschigen Schuhe und gesalzenem Tauwasser wird zeigen, wie groß der Aufwand wirklich ist.
Nichtsdestotrotz bin ich froh über die neue Stadtbibliothek, die dem Platzmangel der alten endlich Abhilfe schafft und durch ihren Leuchtturmeffekt vielleicht neue Nutzer in die Bibliothek führt. [Warum wurde in diesem Zusammenhang eigentlich nicht der dbv-Webclip gezeigt? Das wäre doch die Gelegenheit gewesen.] Auf jeden Fall habe ich heute einen schönen Tag in der Bibliothek verbracht und werde mich auch in Zukunft öfter dort einfinden. Sei es um Freistunden zu überbrücken, in Ruhe arbeiten zu können oder um einfach durch die Regale zu schlendern.
[Kommilitone Sebastian hat hier etwas humoristischer über unseren Besuch geschrieben.]
[Fotos auf Picasa von Sebastian und von mir.]
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